Vom Samenkorn zum Transistor

… Keys extended

Eine Raum-, Video- und Lichtinstallation von Lucy Schreiber und Lito Bürmann

Ein sanfter Duft von frischem Grün liegt in der Luft der BILD.TON.WERK. Galerie. Es riecht nach Pflanzen, statt nach frischer Farbe und Bindemitteln. Sprossen und Keimlinge durchwachsen die Räume. Geschmackvoll garniert fügen sie sich auf Fliesen, Rampen, Lekaflächen. Zwei Profilschienen, gefüllt mit Kresse, dienen als Brücke zu Versatzstücken des jungen Computerzeitalters, der achtziger und neunziger Jahre.

Amiga. Das war einmal digitale Kreativität, auf der Höhe der Zeit, an der sich auch das Jet Set der Kunst ergötzte. Über den großen Auftritt des Pop Art Künstlers Andy Warhol, der im New York der mittleren achtziger Jahre ein Bildnis der Sängerin Debbie Harry (Blondie) mittels eines Amiga 1000, farbig schillern ließ, ist längst Gras gewachsen.

Wir nehmen den Technopionier von einst skulptural überarbeitet wahr. In Form von Gipsplastiken des Installations- Video- und Lichtkünstlers Lito Bürmann. Ein technisches Leitfossil, dekonstruktivistisch inszeniert und zerlegt, in spekulative Versatzstücke, die einen völlig neuen Blick auf die Ur- und Frühgeschichte des Computerzeitalters erlauben.

Mal in verspielten Teilansichten, mal gerollt und phallisch nach oben strebend, visualisiert der Künstler Wünsche und Visionen, die einst an diesem Gerät hingen. An die Wand gehängt oder als Computerwurst gerollt, in Wolkenkratzerform, konterkarieren Bürmanns Dekonstruktions-skulpturen als Rauminstallation das sprießende Grün aus Linsen, Bohnen und Kressesaat.

Dazwischen Hintergrundleuchtbilder. Gerissene Erde, von Farbe durchströmt. Ein Simulakrum des Lebens. Und gleichermaßen Mahnmal, mit dem die Künstlerin Lucy Schreiber ans verletzliche Innenleben der Welt erinnert, an den schmalen Grat, der oft nur zwischen fruchtbarer Krume und lebloser Kruste liegt. Wenn die Segnungen der Gegenwart als detailverliebte Innovationsorgie, ohne die notwendige Bodenhaftung gelebt werden, fühlt sich Mutter Erde im Innersten erschüttert und zerbricht.

Ums Innenleben geht es auch, wenn Lito Bürmann die Innereien eines alten Rechners aufbricht, um sie als Videoinstallation kaleidoskopisch auf einem FlatTV tanzen zu lassen. Und um die verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem Schlüssel des Lebens, der im Samenkorn wurzelt, in Gegenüberstellung zur Printplatte, als Wurzel des digitalen Alltags. Unter dem Fazit Keys extended experimentiert Bürmann weiters mit Video- und Lichtinstallationen, die er in ein Gerüst aus wilden Ästen hängt.

Als Künstlerpaar gehen Schreiber und Bürmann, seit 3 Jahren gemeinsame Wege. Lucy Schreiber studiert, neben ihrer Ausstellungstätigkeit, TransArts, an der Hochschule für angewandte Kunst, in Wien. Lito Bürmann ist seit 20 Jahren als Medienkünstler aktiv und gilt als anerkannter Vertreter der deutschen Lichtkunstszene. Ihr gemeinsames Werk zeichnet sich durch, die poetische Verschränkung der vordergründig gegensätzlichen Materien Technik und Natur aus.

Samenkorn, Transistor, Tastatur, wurzeln in ihrer ureigenen Struktur. Fungieren als Schlüssel zum Leben, Schlüssel zum modernen menschlichen Schaffen. Wenngleich Ersteres der Natur selbst zum Wachstum gereicht, Letzteres nur Datenmengen hervorbringt, sind Spannungsfelder, sowie Ähnlichkeiten auszumachen, die das gemeinsame Werk der beiden Künstler belegt.

Text: Gerald Kofler

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